Als der pfälzische Kurfürst Carl Theodor 1778 von Mannheim nach München übersiedelte, begann der schleichende und vehemente Niedergang der einst so prächtigen Residenz Mannheim. Der Verlust des Hofes ließ die umfangreichen Bemühungen für das stattliche Schloss erstarren. Mit der Entfernung zahlreicher Gegenstände von ihrem angestammten Ort war eine Lähmung unter den Protagonisten des Hofes eingekehrt, machte sie doch deutlich, dass es kaum mehr ein Zurück in die guten alten Zeiten gab. „Was haben die Packwagen in den folgenden Jahrzehnten nicht alles aus seinen Räumen weggeschafft!“ erkennt Friedrich Walter, der ehemalige Direktor des Schlossmuseums Mannheim. Dabei dachte der Museumsmann nicht nur an die Gemäldesammlung oder die Kunstkammerstücke, sondern auch an die kompletten Raumensembles, die ja ein Schloss erst zu jenem gesamtgeschichtlichen Gebilde von höchstem Informationswert werden lassen.
Mit der Entstehung des herrschaftlichen Zentrums Mannheim im Jahre 1720 wurde bereits in seinen Anfängen die kunst- und sammlungsgeschichtliche Bedeutung des Schlosses begründet. Durch eine aktive Erwerbspolitik trugen Carl Philipp (1661-1742) und Carl Theodor von der Pfalz (1724-1799) im Laufe von fast 60 Jahren nicht nur reichhaltige Sammlungs-, sondern auch Einrichtungsbestände zusammen. Hier sind neben den Gemälden, den Naturalien, den Kupferstichen, den Schatzkammerstücken, den Münzen‚ den ‚Antiquitäten‘ und der Hofbibliothek auch die wertvollen Kunstgewerbearbeiten zu nennen. Studiert man die umfangreichen Inventarbücher des Schlosses, so scheint die Möblierung der Räume beachtlich gewesen zu sein, obgleich die knappen Eintragungen das wirkliche Bild nur andeutungsweise vermitteln. In einigen Fällen, wie bei der neu aufgefundenen Prunkuhr von etwa 1710 aus dem kaiserlichen Audienzzimmer oder dem kurfürstlichen Schreibtisch von etwa 1775 aus dem ‚Großen Cabinet‘, gelang es authentisches Einrichtungsgut nachzuweisen und den hohen künstlerischen Grad der Ausstattung deutlich zu machen.
Zu den Hauptausstattungsstücken gehörte neben den Möbeln des feinsten Rokoko und frühen Klassizismus vor allem ein reicher Bestand an Tapisserien. Dieser gelangte einerseits aus der kurfürstlichen Residenz Düsseldorf, die der Bruder Carl Philipps Johann Wilhelm von der Pfalz (1658-1716) seit 1690 bewohnte, und andererseits aus den Pariser und Brüsseler Wandteppichmanufakturen in das Residenzschloss nach Mannheim. Neben allegorischen Themen der römischen und griechischen Antike oder Zyklen der Monate und Jahreszeiten findet man dekorative Muster und Landschaftsmotive nach Gemälden bedeutender Künstler. Die einzelnen Serien variieren zwischen 3 und 7 Bildteppichen. Nach dem ersten Raumverzeichnis von Schloss Mannheim aus dem Jahre 1746 können im Kaiserlichen, Kurfürstlichen, Kölnischen und Zweibrückener Quartier sowie in den Prinzen- und Hofbediensteten-Zimmern und der Garderobe 162 Tapisserien nachgewiesen werden. Die Eintragungen in den Inventarbüchern sind knapp formuliert und lauten beispielsweise: „4 Stück französische Tapeten von Gobelin, vorstellend die Geschichte vom Kaiser Konstantin“ (Kaiserliches Speisezimmer) „3 Stück Tapeten, vorstellend die Schlachten von Alexandro“ (Kurfürstliches Konferenzzimmer) oder „ein großes Stück niederländische Tapete von Alexandro magno“, gehörte zu den Stücken im kurfürstlichen Konferenzzimmer“ (Garderobe). Man benötigt deshalb die späteren Bände, um die Textilien aufspüren und identifizieren zu können. Auch in den 60er und 70er Jahren des 18. Jahrhunderts zierten die Teppiche die Wände. Aber einige Stücke wurden in andere Zimmer gehängt. Andere brachte man in die Magazine, da sie wohl schon abgenutzt waren. Aus den gut erhaltenen Partien fertigten die ‚Hoftapeziere‘ nicht selten Sitzmöbelbezüge oder ‚Türvorhänge‘.
Der große textile Kunstschatz der Kurfürsten von der Pfalz verblieb bis 1779 größtenteils im Schloss. Infolge der Regierungsübernahme von Carl Theodor von der Pfalz in Bayern entfernte man aber mit dem Umzug des Mannheimer Hofes nach München auch viele Tapisserien von ihren angestammten Plätzen. In welchen Sequenzen sie das Residenzschloss München oder andere bayrische Schlösser erreichten, ist bislang unbekannt. 1802 erfolgten unter Kurfürst Max Josef von Pfalz-Bayern die letzten Auslagerungen. Die Objekte verpackte man in Kisten und bezeichnete die Behänge als „gewirkte Tapettenrollen“ oder „Tapeten von hautelice“. Insgesamt gelangten zu diesem Zeitpunkt 43 Teppiche nach Bayern. Einige Stücke könnten sich heute in den Residenzen München oder Würzburg befinden. Ihre Aufbewahrungsorte sind aber noch genau festzustellen. Ein geringer Teil des umfangreichen Bestandes verblieb in Mannheim und wurde von der neuen badischen Herrschaft käuflich übernommen. Hierbei handelt es sich um die so genannte „Teniers-Serie“, die 1995 aus markgräflich badischem Besitz von der Staatlichen Schlösserverwaltung Baden-Württemberg zurück erworben wurde. Die aus vier Teppichen bestehende Folge trägt in der Bordüre das Wappen des Hauses Pfalz-Neuburg. Damit scheint der Adressat der Stücke der regierende Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz gewesen zu sein. Nach einem Vertrag von 1701 mit Daniel Stroobant, Herr von Ter-Brugge und kurfürstlicher Agent in Brüssel, haben die Tapisserien wohl die Teppichweber Jasper van der Borght und Hieronymus le Clerck aus Brüssel gefertigt. Stroobant wurde für die positive Vertragsabwicklung zum kurfürstlichen Hofrat ernannt. Die Stücke gelangten nach Schloss Düsseldorf, aus dem sie der Erbnachfolger des Kurfürsten, Carl Philipp von Pfalz-Neuburg, 1731 nach Schloss Mannheim bringen ließ, um hier das Audienzzimmer der Kaiserin (Raum 409) zu schmücken. Allerdings werden im Inventareintrag von 1746 „6 Tapisserien nach Teniers“ genannt. Bei der Befunduntersuchung der bevorstehenden Restaurierung konnte eine frühere Zerschneidung und eine neue Zusammensetzung der Teppiche festgestellt werden, so dass die Reduzierung der Serie durch diese Eingriffe zu erklären ist. 1806 gelangten die „Teniers-Teppiche“, nun vier an der Zahl, in das Speisezimmer, das später in den so genannten „Roten Saal“ umbenannt wurde. Hier verblieben sie bis zum 1. Weltkrieg. Aus Gründen der bevorstehenden Angriffe brachten die Schlosskastellane die Stücke zuerst nach Karlsruhe und dann nach Baden-Baden.
Von den ehemaligen kurpfälzischen Tapisserien blieben in Mannheim außer den oben genannten Objekten wohl keine Stücke übrig. Deshalb ließ Kurfürst Karl Friedrich von Baden (1728-1811) aus dem Nachlass des Straßburger Fürstbischofs Louis René de Rohan (gest. 1803 in Ettenheim) durch Oberhofmarschall von Montperney 1803 12 Gobelins erwerben. Dabei handelte es sich um 1 Stück Tapeten „des Gobelins“, welches den Einzug des Markus Antonius in Ephesus vorstellt, 7 Stück dito, die Geschichte Jasons und der Medea vorstellend, 4 Stück dito, verschiedene Ergötzungen der Wilden vorstellend. Diese Teppiche wurden zur Einrichtung der Wohnung des Königs von Schweden in den ehemaligen Kaiser-Zimmern (südwestliche Räume im Anschluss an den Rittersaal) aufgehängt. 4 der Jason und Medea-Tapisserien kamen in das 2. Vorzimmer (418), 3 dieser Serie zusammen mit dem Marc-Anton-Gobelin in das Thronzimmer (417) und die „Indianer-Teppiche“, besser bekannt als „Neu-Indien-Folge“, in das Vorzimmer der Königin von Schweden (408).
Die „Jason und Medea-Serie“ entstand in der Pariser Gobelin-Manufaktur nach Entwürfen von Jean-Francois de Troy aus der Zeit von 1744-1746. Die Hautelisse-Manufakturen von Michel und Jean Audran sowie von Pierre-Francois Cozette führten die Arbeiten aus. 12 Serien wurden zum Jason–Medea-Thema hergestellt, wobei die Mannheimer Folge von 7 Teppichen durch eingewirkte Jahreszahlen zwischen 1762 und 1767 datiert werden kann. 1780 soll sie vom französischen König an den Straßburger Fürstbischof, Kardinal de Rohan, verschenkt worden sein. Da sich der Kronprinz von Schweden, der spätere Gustav III. und Vater von Gustav IV., bei einem Besuch in Paris bereits 1771 eine derartige Folge besorgt hatte, ist nicht auszuschließen, dass man in Erinnerung an die Stockholmer „Jason und Medea-Serie“ für Schloss Mannheim die Straßburger Stücke erwarb. Folgende Themen umfassen die Mannheimer Folgen: 1. Jasons Treueschwur; 2. die Stiere des Mars; 3. die Drachsaat; 4. das Goldene Vlies; 5. Jasons Vermählung mit Kreusa; 6. Kreusas Tod; 7. Medeas Flucht.
Der Marc-Anton-Teppich gehörte zu einer Serie der königlichen Gobelin-Manufaktur in Paris, die ursprünglich 7 großformatige Tapisserien umfassen sollte. Da jedoch sehr hohe Kosten entstanden, wurde das Projekt nicht zu Ende geführt. Lediglich 3 Motive („Triumph, Zusammenkunft und Mahl“) kamen nach Entwürfen von Charles Natoire aus der Zeit von 1741 bis 1756 zur Ausführung. Sie wurden nur in 2 bisher bekannten Folgen zwischen 1750 und 1761 durch die Werkstätten Audran und Cozette hergestellt. Den „Triumph“ (Audran) entwarf der Künstler 1741. Aus der ersten Reihe stammt der Mannheimer Teppich, der 1780 ebenfalls an den Kardinal de Rohan ging. Als erstes Objekt der Folge besitzt er eine Schlüsselposition und man darf sicherlich das Stück nicht nur wegen seiner Dimensionen, sondern auch als Pilotobjekt zu den Besonderheiten der Manufaktur zählen. Wegen seiner dynamischen Szenerie stellt es ein Meisterwerk der Pariser Gobelinkunst dar.
„Indien-Motive“ wurden bereits im 17. Jahrhundert nach Gemälden, die Prinz Moritz von Nassau dem französischen König Ludwig XIV. geschenkt hatte, ausgeführt. Francois Desportes gestaltete sie zwischen 1737 und 1741 um, nachdem die alten Webkartons verbraucht waren. Die neue Serie, als „Nouvelles Indes-Folge“ bekannt, kam ab 1740 in der königlichen Manufaktur zur Produktion und war noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein begehrter Artikel. Die Mannheimer Teppiche mit den Motiven „Elefant, Fischer, Kamel und Stiere“ fertigte Jacques Neilson zwischen 1773 und 1779. Sie gelangten 1780 wiederum in den Besitz des Straßburger Fürstbischofs Rohan und 1803 an das Haus Baden. In ihrem neuen Ambiente des Mannheimer Schlosses wurden die Stücke mit gelben Taftvorhängen und Draperien kombiniert. 3 Supraporten mit Landschaftsmotiven vom kurpfälzischen Hofmaler Brinkmann kamen nach dem Inventareintrag von 1804 hinzu. Vergoldete Möbel rundeten den gelben Grundton des Raumes, der mit den Teppichen harmonierte, ab.
Die heute noch erhaltene Farbenpracht macht die Stücke zu den großen Kostbarkeiten der staatlichen Schlösserverwaltung. Schwarze und rote Menschen inmitten eines reichen Pflanzenwerkes führen den Betrachter in die fremden Welten. Fast lehrbuchhaft tauchen exotische Früchte und Tiere in den gerahmten Bildfeldern auf. Auf dem oberen Rahmenschenkel ist das französische Lilienwappen angebracht, ein Ausweis der königlichen Provenienz.
Außer den genannten Serien gehörte auch eine so genannte „Christus-Folge“ zu den Erwerbungen der Staatlichen Schlösserverwaltung in Schloss Baden-Baden. Nach den neuesten Forschungen handelt es sich um Arbeiten der Brüsseler Manufaktur von Jean-Baptiste Vermillion aus den Jahren um 1730. Die Stücke gelangten 1804 in das Audienzzimmer der schwedischen Königin (407) des Mannheimer Schlosses und befanden sich in diesem bis 1855. In diesem Jahr hängte man sie in den „Gelben Saal“, da hier die vorhandene grüne Damasttapete „schon gewendet“ worden war, d.h. sich in schlechtem Zustand präsentierte. Ob die Teppiche ebenfalls aus dem Nachlass des Fürstbischofs Rohan, wie vermutet wurde, oder aus kurpfälzischem Besitz stammen, konnte nicht nachgewiesen werden.
Auch dem zweiten Mannheimer Teppichbestand aus dem 19. Jahrhundert widerfuhr das Schicksal der Entfernung. Sie wurden ebenfalls von den Wänden abgenommen, um sie in der fürstlichen Obhut zu bewahren. So lagerte man vor dem 1. Weltkrieg die Textilien aus Schloss Mannheim aus, da Angriffe der Truppen erwartet wurden. Die Stücke gelangten nach Karlsruhe und von hier nach Schloss Baden-Baden. Im Abfindungsvertrag zwischen dem Großherzog von Baden und dem neuen badischen Staat von 1919, der auf den gesetzlichen Bestimmungen der großherzoglichen Civilliste von 1854 beruhte, erhielt das Haus Baden neben zahlreichen Einrichtungsgegenständen der fürstlichen Gemächer auch die Mannheimer Teppiche zugesprochen. Das im Mannheimer Schloss neu gegründete Kunstmuseum erwarb zum Ersatz der verlorenen Stücke im Antiquitätenhandel 1926 eine Tapisseriefolge mit Bildszenen aus dem Leben Marc Aurels. Sie umfasste vier Teppiche, die um 1680 in Antwerpen in der Werkstatt Michael Wauters gefertigt wurden. Die Serie gelangte in den so genannten „Trabantensaal“ und befindet sich heute in den Reiss-Engelhorn-Museen.
Die berühmten Mannheimer Wandteppiche werden zusammen mit den umfangreichen Kunsterwerben aus der markgräflichen Auktion in Baden-Baden (1995), wie wertvolles Mobiliar und längst verloren geglaubtes Kunstgut, künftig im Barockschloss Mannheim zu sehen sein. Ende März 2007 wird das nun im Ausbau befindliche Schloss-Museum seine Türen für Besucher wieder öffnen und durch die Neuausstattung der Beletage verdeutlichen, welch Kulturdenkmal von historischer Bedeutung die Stadt Mannheim zurückgewinnt.
Informationen:
Dr. Wolfgang
Wiese
Oberkonservator
Vermögen und Bau Baden-Württemberg,
Betriebsleitung
Staatliche Schlösser und Gärten
Tel. 0 72 51 / 74 27
21
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