Geheimnisvolles Gewebe
Die originalen Mannheimer Tapisserien kehren zurück in die Prunkräume der Beletage
Seit Mitte Dezember sind sie „von der Rolle“: die originalen Mannheimer Tapisserien, die bis 1919 die Wände der so genannten Kaiserzimmer im östlichen Bereich des Corps de Logis schmückten. In einem Abfindungsvertrag zwischen dem Großherzog von Baden und dem neuen badischen Staat wurden sie dem großherzoglichen Hause zugesprochen.
21 Kostbarkeiten, teilweise so groß wie die Grundfläche eines mittleren Wohnzimmers, werden nun eine nach der anderen in den Prunkräumen gehängt. Anfang Februar soll diese aufwändige Arbeit beendet sein.
Im Coursaal haben sich die vier Textil-Restauratorinnen eine provisorische Werkstatt mit einem langen Tisch und Lampen eingerichtet. In einer Ecke warten gut verschnürte „Teppichrollen“ darauf, ausgepackt zu werden. Vorsichtig transportieren Diane Lanz und Laurence Becker eine der Rollen in den nebenan liegenden noch unmöblierten Thronsaal und enthüllen dort gewebte Bilder mit einer Kantenlänge zwischen einem und sieben Metern. Mit letzten Nadelstichen wird jeder Teppich sorgfältig auf seine Hängung vorbereitet. Fehlstellen werden mit einem speziellen Stoff hinterlegt, der vor Ort den Lichtverhältnissen entsprechend eingefärbt wird. Eine mühsame Arbeit, die ihre Zeit braucht.
Die Hängung selbst ist spektakulärer. Ein mobiles Gerüst ermöglicht das Arbeiten auf mehreren Ebenen. Allein für ein kleines Exemplar der so genannten „Christus-Folge“ müssen die Restauratorinnen zu Dritt sein. Behutsam wird die ausgepackte Teppichrolle in zwei Schlaufen gehängt und dann nach oben gezogen. Ein Klettband am oberen Rand ermöglicht die Befestigung auf der Wandplatte, vor der die Tapisserie frei nach unten hängt. Immerhin müssen bis zu 25 kg kostbaren Gewebes einen sicheren Halt finden. Noch zwei, drei ordnende Griffe und schon bedeckt der exquisite Wandteppich wieder die 90 Jahre lang kahl gewesene Wand im Großen Grünen Kabinett.
Das um 1730 in der Brüsseler Manufaktur von Jean-Baptiste Vermillion gewebte Stück zeigt eine Szene aus dem Leben Jesu und begeistert noch immer durch seine leuchtenden Farben. Das Lilienwappen in der oberen Bordüre verweist auf eine Auftragsarbeit des französischen Königs Ludwig XV., doch wer war der Adressat der erlesenen Serie? Ein Wappen im unteren Teil des Teppichs zeigt drei Bäume, die von einer Krone umfasst werden. Ein Abts- bzw. Bischofsstab deutet auf eine Abtei oder einen hochgestellten geistlichen Herren hin, doch seit Generationen ist dieses Geheimnis nicht gelüftet...
Besucher mit detektivischem Spürsinn müssen sich allerdings noch zwei Monate gedulden. Ab 29. März 2007 kann der großartige textile Kunstschatz der Kurfürsten von der Pfalz und der Großherzöge von Baden wieder an seinem ursprünglichen Platz bewundert werden.