Mit Hilfe großzügiger Sponsoren aus Mannheim, Karlsruhe und Stuttgart gelang es den Staatlichen Schlössern und Gärten kurz vor Weihnachten 2003 das Großherzogliche Hofsilberservice aus dem 19. Jahrhundert zu erwerben und damit eine der Inkunabeln der oberrheinischen Geschichte zu retten.
Das Hofsilberservice war ehemals ein Ankauf Großherzog Ludwigs (1763-1830), des letzten badischen Agnaten aus der alten markgräflichen Stammlinie. Nachdem sein Neffe Carl von Baden (1786-1818) keinen männlichen Erben hatte, fiel dem Onkel die Regierung für wenige Jahre zu. Es war die Zeit der postnapoleonischen Ära, in der Baden durch eheliche Verbindungen in den Kreis der großen europäischen Herrscherhäuser eingetreten war und wichtige Repräsentationsaufgaben zu erfüllen hatte. Auch die Tafelsitte musste gepflegt werden und es bedurfte eines angemessenen Instrumentariums.
In Baden waren die höfischen Repräsentationsgerätschaften des 18. Jahrhunderts aus Gründen schwacher Staatsfinanzen nur noch in Fragmenten vorhanden. Schon 1772 musste Silber der Rastatter Hofhaltung des verstorbenen Markgrafen August Georg (1706-1771) zur Deckung der aus der baden-badischen Herrschaft übernommenen Schuldlast ausgesondert werden. Außerdem ließ der Fürst „einen aus Sicherheitsgründen 1792 nach Ulm transportierten Teil des Silbers verkaufen“, da man wohl „für die Kriegs-Contributionen an die Franzosen“ Rücklagen schaffen wollte. Die Münze in Günzburg wurde mit der Einschmelzung der Objekte betraut und man konnte einen Betrag von ungefähr 75.000 Gulden gewinnen. Dieser Transaktion entgangen schien ein Teil der Silbers der Markgräfin Magdalene Wilhelmine von Baden-Durlach (1677-1742) und das Silberservice aus der Erbschaft der Markgräfin Elisabeth, Gräfin von Althan (1726-1789), nachdem hierüber ein ‚Fideikommiß' (unveräußerliches Erbgut) eingerichtet worden war. Nach dem Ableben Markgräfin Maria Victorias (1714-1793), des letzten Mitglieds des Hauses Baden-Baden versuchte Markgraf Karl Friedrich von Baden (1728-1811), der Vater Großherzog Ludwigs, 1794 die Bestände der beiden badischen Silberkammern in Rastatt und Karlsruhe zusammenzuführen und den Grundstein für ein prächtiges Tafelsilber zu legen. Hierin befanden sich Schmuckstücke, wie auch Serviceteile der ehemaligen kleinen Herrschaften Badens. Doch die noch heute erhaltenen Inventarbücher, die zu den Hauptquellen einer Erforschung der höfischen Ausstattung zählen, zeigen deutlich, dass der badische Tafelsilberschatz am Ende des alten Reiches keine geschlossenen Einheit mehr bildete und aufwendige Festessen ausschloss.
So sah sich Großherzog Ludwig 1823 gezwungen, ein neues Tafelsilber herstellen zu lassen, nachdem die beendeten Kriege der Napoleonischen Zeit wieder Raum für die Finanzierung von Luxusgütern boten und vermehrte diplomatische Aktivitäten erlaubten. Hofbeamte aus Karlsruhe ermittelten in Paris, dem führenden Handelszentrum von Silberwaren, einen geeigneten Produzenten. Er fand sich in Jean-Baptiste Claude Odiot (1763-1850), ein Mitglied der seit dem 17. Jahrhundert bekannten französischen Gold- und Silberschmiedefamilie. Der Kunsthandwerker war im späten 18. Jahrhundert mit dem neuen „goût à l'antique“ aufgewachsen und machte sich diesen Stil zu Eigen. Bereits 1789 stellte er zusammen mit Thomas Jefferson, dem späteren amerikanischen Präsidenten, Objekte im „goût étrusque“ her. Mehrere europäische Kaiser- und Königshöfe bestellten bei Odiot kostbare Ware. Die wohl herausragendsten Arbeiten lieferte er an den Hof Napoleon I., wie das große Krönungsservice von 1805, den Toilettentisch der Kaiserin Marie Louise von 1810 oder die Wiege des Königs von Rom von 1811. Seit dieser Zeit blieb der Meister dem Empirestil treu und hinterließ ein reichhaltiges Werk.
Schon im Mittelalter war die öffentliche Hoftafel Bestandteil der zeremoniellen und rituellen Form der fürstlichen Gesellschaft. Sie diente „der Demonstration von Kontinuität und Legitimität der Herrschaft, durch sichtbare Zeichen nonverbaler Kommunikation“, wie Hans Ottomeyer im Katalog zur Ausstellung „Die öffentliche Tafel“ 2003 treffend schrieb. Der Herrscher und sein Hof stellten sich beim Mahl den Höflingen und einer breiten Öffentlichkeit zur Schau. Rang und Bedeutung der Teilnehmer fanden in ihr einen wirksamen Ausdruck. So waren die Plätze an der Tafel klar zugeordnet und wer den Vortritt in der Bedienung hatte. Den Rahmen für die Inszenierung boten die Schlösser. Hier sind es die zentralen Säle oder Zimmer, die für das Ereignis, an dem jeder zuschauen konnte, entsprechend aufbereitet wurden. „Erst zwischen Rittersaal und erstem Vorzimmer lag die Grenze, die nicht von jedermann überschritten werden konnte. Entweder hier oder dort fand die öffentliche Tafel statt.“
In Italien und am Habsburger Hof in Wien hat sich die öffentliche Tafel herausgebildet. Über Burgund fand sie Eingang in den französischen Hof. Ihre optische Komponente führte als eine überall zu verstehende Kommunikationsform zur umfassenden Verbreitung in Europa.
Ausgesuchte Personen versahen den Dienst an der Tafel. Vom Silberkämmerer wurde sie gedeckt und vom Stabelmeister beaufsichtigt. Der Vorschneider bereitete die Speisen zu und übergab sie dem Truchsessen zur Servierung. Mundschenk und Edelknaben brachten sie und die Getränke zu Tisch. Die Art des Servierens orientierte sich im 18. Jahrhundert an der französischen Sitte. Erst um 1800 führte man neue Formen des öffentlichen Tafelns ein. Das „service à la francaise“ wurde durch das „service à la russe“ abgelöst. Früher „wurden zahlreiche Gerichte auf Platten und in Schüsseln zu Tisch gebracht und dort in doppelter Achsensymmetrie arrangiert“ bevor sich die Gäste setzten. Nun gelangten die Speisen, nachdem der Tisch dekoriert worden war und die Gäste Platz genommen hatten, in kleinen Portionen auf die Tafel. Beide Serviermethoden haben sich auch vermischt.
Das badische Tafelsilberservice besteht aus großen und kleinen Terrinen, verschiedenen Platten mit so genannten „cloche's“ (Deckeln), Salzschalen, Saucièren und Tellern mit hohem Feinheitsgehalt. Alle Teile erhielten das große badische Staatswappen, flankiert von Krone, Greif und Löwe. Zwischen 1828 und 1835 ließen Großherzog Ludwig und sein Nachfolger Großherzog Leopold (1790-1852) in ihren Karlsruher Hofsilberwerkstätten noch wesentliche Ergänzungen der Garnitur anfertigen. So gelangten Kerzenleuchter, Vasen, Bestecke und Surtouts (Dekorplatten) der Silberschmiede Deimling zum Bestand hinzu. Das Silberservice gewann an dekorativer Erscheinung erheblich und war jetzt ein Geschirr- und Prunkaufsatz.
Die Tischgarnitur stand nicht nur für den monarchischen Anspruch der badischen Fürsten im 19. Jahrhundert, sondern auch für die allgemeinen Tafelsitten an ihren Höfen in Karlsruhe, Mannheim, Bruchsal usw. Deshalb lag es bei der Neuerwerbung nahe, gerade Schloss Mannheim vorzuziehen, einst bedeutende Residenz von Großherzogin-Witwe Stephanie Napoleon (1789-1860). Das Schloss wird, ganz im Gegensatz zur Residenz Karlsruhe, wieder eine Raumausstattung erhalten und somit ein Präsentationsort, der auch die funktionellen Zusammenhänge der Nutzung, wie die höfische Esskultur, umfasst. Die Schlösserverwaltung lässt im ehemaligen Speisesaal mit Hilfe des 130teiligen Silberservices eine gedeckte Empiretafel von 6 Meter Länge aufbauen, die ein absolutes Highlight der Schlosseinrichtung darstellt und erstmals nach dem 1. Weltkrieg wieder aus der Versenkung an die Öffentlichkeit tritt. Auch die umfangreichen Kunsterwerbe aus der markgräflichen Auktion in Baden-Baden (1995), wie die berühmten Mannheimer Wandteppiche, wertvolles Mobiliar und längst verloren geglaubtes Kunstgut, sind künftig in Mannheim zu sehen. 2007 wird das nun im Ausbau befindliche Schloss-Museum seine Türen wieder öffnen und durch die neue Ausstattung dem Besucher das seit langem gewünschte intakte Schloss wieder vor Augen führen.
Informationen:
Dr. Wolfgang
Wiese
Oberkonservator
Vermögen und Bau Baden-Württemberg,
Betriebsleitung
Staatliche Schlösser und Gärten
Tel. 0 72 51 / 74 27
21
Wolfgang.Wiese@vb-bw.fv.bwl.de
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